Diese Informationen ersetzen keine individuelle Beratung. Wenn Sie Unterstützung benötigen, finden Sie geeignete Anlaufstellen in unserer Hilfewelt.
Kinder sind stille Zeugen der Gewalt
Was bedeutet das für ihr Wohlergehen und ihre Kindheit?
Kinder erleben die Gewalt zwischen ihren Eltern auf ihre eigene Weise. Sie stehen daneben, hören die Auseinandersetzungen, sehen die Angst und erleben, wie ein Elternteil den anderen abwertet, kontrolliert oder unter Druck setzt. Was für Erwachsene als Beziehungskonflikt erscheint, kann für ein Kind zum Alltag werden.
Und Kinder lernen. Sie beobachten, wie miteinander gesprochen wird, wer sich durchsetzt und wer nachgibt. Wenn Abwertung, Manipulation und Kontrolle über Jahre zum Familienleben gehören, können diese Verhaltensweisen für ein Kind selbstverständlich werden. Es lernt möglicherweise, dass man mit Druck etwas erreichen kann und dass der andere irgendwann nachgibt.
Das kann auch nach einer Trennung weiterwirken. Eine Mutter kann dann erleben, dass ihr eigenes Kind plötzlich Verhaltensweisen übernimmt, die sie aus der früheren Beziehung kennt. Vielleicht hört sie irgendwann: „Du hast doch selbst alles mit dir machen lassen.“ Für eine Mutter kann das besonders schmerzhaft sein. Sie hat versucht, ihr Kind zu schützen, und muss nun erleben, dass das Kind die Vergangenheit mit anderen Augen betrachtet.
Ein Kind muss nicht lernen, dass Gewalt funktioniert. Und eine Mutter muss nicht lernen, dass sie deshalb aufgeben muss.
Was soll eine Mutter tun?
Sie soll ihr Kind nicht in einen Kampf zwischen den Eltern ziehen. Sie soll es nicht zwingen, sich für einen Elternteil zu entscheiden. Aber daraus darf nicht folgen, dass sie alles hinnimmt.
Wenn der Vater nach der Trennung immer wieder Unwahrheiten erzählt, Druck ausübt oder versucht, das Kind gegen die Mutter einzunehmen, braucht die Mutter nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Sie darf widersprechen. Sie darf Grenzen setzen. Sie darf sich Hilfe holen und sie darf für ihr Kind eintreten.
Dabei geht es nicht darum, das Kind gegen den anderen Elternteil aufzubringen. Es geht darum, dem Kind eine andere Erfahrung von Beziehung zu ermöglichen. Ein Kind darf beide Eltern lieben. Es darf aber auch lernen, dass Liebe nicht bedeutet, alles glauben, alles ertragen oder jedem Verhalten zustimmen zu müssen.
Die Kindheit ist noch nicht verloren, nur weil ein Kind Gewalt erlebt hat. Kinder können lernen, Erfahrungen einzuordnen und andere Formen des Umgangs miteinander kennenzulernen. Dafür brauchen sie Erwachsene, die ihnen Orientierung geben und ihnen zeigen, dass Respekt, Grenzen und Wahrheit genauso zu Beziehungen gehören wie Liebe.
Deshalb darf eine Mutter für sich und ihr Kind einstehen. Sie muss nicht schweigen, damit das Kind keinen Konflikt erlebt. Sie muss nicht nachgeben, damit es ruhig bleibt. Und sie muss auch nicht akzeptieren, dass die Unwahrheiten eines anderen Menschen zur Wahrheit des Kindes werden.
Die Aufgabe der Mutter ist nicht, die Gewalt für ihr Kind unsichtbar zu machen. Ihre Aufgabe ist, ihrem Kind zu zeigen, dass Gewalt nicht normal ist.
Kinder brauchen dafür keine Mutter, die alles aushält. Sie brauchen eine Mutter, die ihnen vorlebt, dass Menschen Grenzen haben dürfen und dass man sich gegen Gewalt wehren darf. Und sie brauchen eine Gesellschaft, die diese Mutter dabei nicht allein lässt.
